Wie Fische im trüben Wasser

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Meine ersten Schritte in ein kreatives Leben

Ich komme aus der Ukraine. Geboren an einem sonnigen Sonntag im August. Da meine Mutter Angst hatte, dass ich dennoch erfriere, bin ich auf den ersten Babyfotos eingemummt in eine dicke Winterdecke zu sehen. Bis heute ist sie wie eine jüdische Glucken-Mutter geblieben und ist immerzu besorgt, um ihr einziges Kind.

Noch bevor ich sprechen gelernt hatte, war meine Sprache das Malen. Ich liebte das Pilze sammeln und so malte ich unentwegt Pilze auf alle Blätter, die ich finden konnte. Wie hypnotisiert malte ich alles voll. Weil sie mich so sehr begeisterten. Im Wald war es nicht leicht sie zu finden, oft versteckten sie sich hinter Blättern und Stöcken. Aber wenn man einen Pilz fand, dann war es für mich eine große Freude, denn man hatte ja so lange danach gesucht, überall nachgeschaut. Wenn man dann plötzlich diese kleine braune, unauffällige Kappe erblickte, kam die Euphorie. Man hatte das Ziel erreicht. So ist es mit allen Zielen. Man versucht alles, um es zu erreichen, aber ob man es schafft ist ungewiss. So schaut man hier und dort, fragt den und den. Oft scheint es aussichtlos zu sein und gibt die Hoffnung schon fast auf. Dann wenn man es wirklich geschafft hat, kann man sein Glück kaum glauben.

Unsere erste Wohnung war sehr klein. Durch eine Schrankwand hatte man das eine Zimmer in zwei verwandelt. Man musste sich immer warm anziehen, weil es dort nasskalt und dunkel war. Papa war selten da. Dafür kamen oft die Omas und umsorgten uns mit Essen und ihrer Wärme. Ich war glücklich, denn ich wurde geliebt und hatte auch viele Tiere um mich. Die Nachbarn hatten viele Hühner und jeden Tag kam die gleiche Taube auf unsere Fensterbank geflogen. Wir gaben ihr Brot, und dafür sag ihr uns ihr liebliches Lied.

Mein erstes „Haustier“ war eine Kakerlake, ich nannte sie Kaki. Kaki lebte in einem leeren Marmeladenglas und ich fütterte ihn jeden Tag. Mama legte großen Wert drauf, dass ich Tiere und auch die kleinen, wie Käfer und andere Insekten, respektiere und sie nicht abwertend behandle. Als ich klein war hat mich alles an Krabbeltieren fasziniert, ich fand sie wunderschön. Die langen Fühler, die Knöpfchenaugen, die filigranen sechs Beinchen und die bunten Farben des Panzers. Als Kaki starb, sagte meine Mutter, dass er wohl keine Lauchzwiebeln mochte, die ich ihm tagtäglich in sein kleines Glashaus warf. Heute verstehe ich den kleinen Käfer, denn wenn man jeden Tag etwas tun muss, was man nicht mag, so wird man krank und scheidet im schlimmsten Fall dahin. Das weiß ich seitdem ich Jobs machen musste, die ich unerträglich fand.

Es war ein langer Weg. Tagelang war der Rücksitz mein Bett. Wenn wir einen Stopp machten, schaute ich auf das vordere Gitter des Autos, wo viele mir unbekannte Insektenarten klemmten, die bei der Fahrt ihr Leben lassen mussten.
Immer wenn der beige Lada abbog erklang ein lieblicher Vogelgesang, den mein Vater gegen das typische Blinker-Geräusch ausgetauscht hatte. Die Reifen kamen zum Stehen. Die Sonne knallte auf die ohnehin schon ausgebrannte Erde. Überall roch es nach Kiefern und ihren Zapfen. Aus der Ferne ertönten die Schreie der Möwen. Eine Klippe, irgendwo an einem der vielen Stände der Krim. Es war der Tag, an dem ich das erste Mal in meinem Leben das Meer erblicken sollte.

Bevor meine Eltern und ihre Freunde die Zelte aufbauten beschlossen sie zum Strand runterzugehen. Endlich sah ich die endlose Weite des Wassers, die mir als

Kind noch unendlicher erschien als jetzt. Nur ein Hang mit vielen Treppen und ein langer Sandstreifen trennten mich vom Meer. Meine Vorfreude war unermesslich, sofort sprintete ich los. Ich überholte alle Erwachsenen und rannte dem Meer entgegen. Keiner konnte mich halten.

Niemand hatte wirklich erwartet, dass ich ungebremst ins Wasser brettere, aus ihrer logischen Sicht, wäre zu erwarten gewesen, dass ich mich an das Wasser vorsichtig herantaste, oder vielleicht, dass ich mit einem der Erwachsenen zusammen an der Hand reingehe. Doch es gab für mich nur eine Option: Ich lief ohne einen Hauch des Zögerns ins Meer hinein! Dort stand ich nun bis zum Halse im Wasser, oberglücklich und mit einem breiten Grinsen. Von dort aus schaute ich zum Strand und winkte den Erwachsenen, welche dieses Schauspiel verblüfft beobachteten. Meine, wie immer sehr besorgte, Mama muss sich sehr erschrocken haben und es dauerte natürlich nicht lange und sie zog mich aus meinem neu entdeckten Paradies heraus.

Als Kind kannte ich keine Angst.
Bis heute hat das Meer eine besondere Bedeutung für mich. Mein Leben lang lebe ich mit einer Sehnsucht danach. Schon das Geräusch reicht, um meine Seele zu beruhigen. Die endlosen Weite lässt mich sofort in den Zustand der tiefen Zufriedenheit und des inneren Friedens verfallen.

Beim Spielen in meinem Gartenparadies wurde mir eines Tages etwas in Bezug auf die Natur deutlich. Ich verstand plötzlich was die die gesamte Welt, ja das ganze Universum zusammenhält. In meinem kindlichen Kopf hatte ich spontan die Erkenntnis über das größte Geheimnis der Welt entdeckt. Plötzlich ergab alles einen Sinn, alles wurde ganz klar. Ich erinnere mich, dass nach dieser revolutionären Erkenntnis die Euphorie plötzlich in eine Art Panik überfiel. Schon als Fünfjährige wusste ich wie es um Vielfalt und Flüchtigkeit der Gedanken steht und fürchtete die Macht des Vergessens. Ich wusste, das was ich gerade in meinem Kopf gefunden hatte, könnte ich auch für immer verlieren. Also versuchte ich eine Eselbrücke zu zubauen, dann wiederholte ich ständig diesen Gedanken und ärgerte mich furchtbar darüber, dass ich noch nicht schreiben gelernt hatte, um diese bahnbrechende Einsicht für die Nachwelt schriftlich festzuhalten. Wer Angst vor der Grube hat, fällt auf jeden Fall hinein. So schnell wie die Erkenntnis gekommen war – so schnell war sie auch vergessen.

 

Viele Male habe ich mich bemüht, mich zu erinnern. Ich ging zurück an die Stelle wo mir die Idee gekommen war, hockte in den demselben Busch, suchte nach derselben Blume, um an ihr nochmals zu riechen, hörte auf die gleichen Vogelgesänge. Verzweifelt probierte ich es mit aller Kraft, doch kein einziger Funken der Erinnerung kam zurück. Sogar während ich das hier schreibe versuche ich mich immer noch an diese Erkenntnis über das was die Welt im Innersten zusammenhält zu erinnern, aber vergeblich.

Wahrscheinlich war es diese Erfahrung, welche mich dazu bewogen hat, meine Gedanken, Geschichten und inneren Bilder schriftlich festzuhalten. Das ist wahrscheinlich der Grund dafür, warum ich immer ein kleines Notizbuch bei mir trage. Mittlerweile haben sich schon einige Notizbücher, Skizzenblöcke und Tagebücher angesammelt. Manchmal werde ich dafür verspottet und mit dem Protagonisten von „Beautiful Mind“ gleichgesetzt, besonders wenn ich versuche die zusammenhanglosen Notizen, ob auf Kotztüten aus dem Flugzeug, auf Bierdeckeln oder auf alten Briefumschlägen, zu einem großen Ganzen zusammenzufügen.

Vielleicht liest du deshalb heute diese Worte.

Weil ich versuche meine Erinnerungen, durch diese Buchstaben, zu versiegeln.

Das ist was die Kunst schon immer tat.

Jedes Bild. Jedes Wort. Jeder Film.

Ist versiegelte Energie und Zeit.

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